Bei der Hautpflege gibt es eine Pflicht und eine Kür, erklärt der Dermatologe Prof. Dr. Volker Steinkraus. Wie diese aussehen und warum keine gesunde Bräune existiert, verrät er hier.
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Die richtigen Gewohnheiten und Routinen sind für die Hautgesundheit "unverzichtbar", erklärt der Dermatologe Prof. Dr. Volker Steinkraus, Gründer des Dermatologikum Hamburg. Der Autor von "How To Look Better" (Murmann Verlag) stellt in seinem Buch zehn Maximen vor, mit denen er zeigen will, welche Zutaten die Haut braucht, um wirklich schön zu sein. Im Interview mit spot on news verrät er, wie bei der Hautpflege-Routine die Pflicht und die Kür aussehen und warum es "streng genommen" keine gesunde Bräune gibt.
In Ihrem Buch "How To Look Better" präsentieren Sie "10 Maximen für eine schöne Haut - und ein besseres Leben". Was können Sie auf den ersten Blick an der Haut eines Menschen über dessen Lebensstil ablesen?
Volker Steinkraus: Für das geschulte Auge ist die Haut ein Zeigerorgan für das Innenleben, obwohl man sich hier natürlich auch irren kann. Die Haut zeigt auch an, ob man in der Vergangenheit gut zu ihr war oder sie vernachlässigt hat. Die Haut steht in einem innigen Verhältnis zum Kern, was den französischen Philosophen Paul Valéry zu der Aussage veranlasste, dass die Haut das Tiefste beim Menschen sei.
In welchem Zusammenhang stehen unsere sozialen Beziehungen oder mentale Haltung und das Hautbild?
Steinkraus: Diese Frage ist schwer zu beantworten. Da die Haut jedoch als Hülle für das Ganze steht und wir inzwischen wissen, dass tragende soziale Beziehungen und die mentale Haltung wesentliche Faktoren für die allgemeine Gesundheit und Ausgeglichenheit eines Menschen sind, liegt es auf der Hand, dass diese Stellschrauben auch in die Haut eingeschrieben werden. Gesundheit und Wohlbefinden lassen sich auch in der Haut lesen.
Wie groß ist der Einfluss von fehlendem Schlaf und Stress auf Haut und Alterungsprozess?
Steinkraus: Dieser Einfluss ist sehr groß. Wenn der Schlaf fehlt oder wenn Schlafphasen defizitär sind, kommt die Regeneration der Haut zu kurz. Das gleiche gilt für Stress. Wenn Stresshormone ein Leben dominieren, kommt es zur Aktivierung von Enzymen, die dem Kollagenstoffwechsel zusetzen, wodurch Alterungsprozesse beschleunigt werden. Dies alles geht an der Haut natürlich nicht spurlos vorbei.
Was überrascht Ihre Patientinnen und Patienten am meisten, wenn es um den Einfluss von Alltagsgewohnheiten auf die Haut geht?
Steinkraus: Zur Basis einer "guten Hautalterung" und zur Vermeidung von Hautschäden gehört eine regelmäßige milde Reinigung, eine regelmäßig aufgetragene und keinesfalls zu fette Pflegecreme, ein zum Hauttyp passender Sonnenschutz, frische Luft, Bewegung und eine gute Ernährung. Alle Organe arbeiten funktionell und strukturell zusammen und alle Organe sind über Botenstoffe und Hormone miteinander verbunden. Die Zusammenhänge, die erklären, dass es nur eine Gesundheit ("One Health") gibt und dass die gesundheitsspendende Kraft eines guten Lebens und eines guten Aussehens in geregelten Tagesabläufen mit einem guten vegetativen Rhythmus liegt, sind für viele überraschend.
Welchen Anti-Aging-Mythos halten Sie für besonders schlimm und wie sieht für Sie ein gesundes Älterwerden aus?
Steinkraus: Ich halte es für fatal, dass viele der Meinung sind, der Alterung durch Botox, Filler und Skalpell entkommen zu können. Als moderner Dermatologe habe auch ich gegen das eine oder andere "Finetuning" nichts auszusetzen. So sind medizinische Lasergeräte für zahlreiche Hautveränderungen ein Segen und auch die Behandlung einer tiefen, sehr störenden Zornesfalte kann einen Menschen glücklich machen. Dennoch sehen wir durch unüberlegte ästhetische Eingriffe oft groteske Bilder, bei denen das Zusammenspiel unterschiedlicher Körperregionen aus den Fugen gerät. Die selbstbewusste Sicht auf die eigene Einzigartigkeit und die Fähigkeit, dem Gruppenzwang zu widerstehen, sind zentrale Merkmale von Menschen, die gut und gesund altern.
Wie sehr hängt Hautgesundheit von guten Produkten und wie sehr von den richtigen Routinen ab?
Steinkraus: Die Zusammenhänge sind eindeutig. Die richtigen Gewohnheiten und Routinen sind unverzichtbar. Hierzu gehört auch die Hautpflege, bei der es eine Pflicht gibt, die jeder machen sollte und eine Kür, die optional ist.
Die Pflicht besteht in der morgendlichen und abendlichen Anwendung eines milden Reinigungsprodukts und eines hautverträglichen Moisturizers (Pflegecreme). Die Kür ist für jene geeignet, die alles rausholen wollen. Sie beinhaltet Vitaminseren oder leichte Emulsionen mit Wirkstoffen wie Vitamin A, Vitamin C oder auch Niacinamid, die in wissenschaftlichen Studien nachweisen konnten, dass sie moderate, dennoch aber signifikante Einflüsse auf eine verbesserte Struktur und Funktion der Haut haben.
Was halten Sie vom Hype um immer komplexere Hautpflegeroutinen mit zehn oder mehr Produkten?
Steinkraus: Ein gewisses "Layering", das heißt ein übereinander gelagertes Auftragen unterschiedlicher Seren oder Emulsionen mit unterschiedlichen Wirkstoffen, halte ich für unproblematisch. Unterschiedliche Stoffe können sich auch ergänzen und synergistische Wirkungen entfalten. So ist das Auftragen von Fruchtsäuren, die den pH-Wert der Haut kurzfristig verringern, dem anschließenden Auftragen von Vitamin C zum Beispiel zuträglich, da Vitamin C bei niedrigen pH-Werten besser in die Haut eindringt.
Auf der anderen Seite sagt einem aber der natürliche Menschenverstand, dass man es mit diesem "Layering" auch nicht übertreiben sollte. Zehn Produkte übereinander sind sicher kontraproduktiv, da die Toleranz der Haut überreizt wird und zu viele Wirkstoffe sich theoretisch auch gegenseitig inaktivieren können.
Welche anderen Trends in der Hautpflege halten Sie außerdem für überbewertet?
Steinkraus: Ich halte die ganzen Gadgets wie Rotlichtmasken etc. für maßlos überbewertet. Ich kenne keine einzige seriöse Studie, die für diese "Tools" eine positive Wirkung auf die Struktur und Funktion der Haut nachgewiesen hätte.
Das Thema Sonne und Haut ist wichtiger denn je. Kann man etwas falsch machen, wenn man grundsätzlich auf LSF 50 setzt?
Steinkraus: Wer immer zum LSF 50 greift, eine ausreichende Crememenge aufträgt, und dann noch eine Creme wählt, die auch einen hohen UVA-Schutz gewährleistet (sogenannte Breitspektrum UV-Schutzcreme), macht nichts verkehrt.
Was ist dran am Mythos, dass LSF 50 die Vitamin-D-Produktion einschränkt?
Steinkraus: Dies ist tatsächlich ein Mythos, da Studien gezeigt haben, dass Menschen, die Sonnenschutzcremes verwenden, im Sommer dennoch ausreichend Vitamin D produzieren. Es scheint daran zu liegen, dass diejenigen, die sich eincremen am Ende auch diejenigen sind, die viel in der Sonne sind. Irgendetwas geht halt immer durch und auch ein hoher UV-Schutz schützt nicht zu 100%. Dennoch halte ich es für richtig, kleinere Hautpartien immer mal wieder kurz und für wenige Minuten ungeschützt der Sonne auszusetzen um sicherzustellen, dass die Vitamin D-Synthese auf natürlichem Wege optimiert wird.
Einer der hartnäckigsten Mythen lautet zudem: "Ein bisschen Sonne ohne Schutz schadet nicht." Stimmt das?
Steinkraus: Bei jeder Frage zum Sonnenschutz muss immer der persönliche Pigment-Hauttyp (Fitzpatrick Typ I - VI) und die persönliche Eigenschutzzeit (ESZ) beachtet werden. Letztere besagt, wie lange ich ungeschützt in der Sonne bleiben kann, bevor ich rot werde. Die ESZ kann wenige Minuten oder mehrere Stunden betragen. Wer einen hellen Hauttyp nach Fitzpatrick (Typ I und II) und eine kurze ESZ hat, sollte sich grundsätzlich schützen, insbesondere bei einem UV-Index ab 3. Der UV-Index ist leicht über ein Mobiltelefon zu erfragen. Er wird auch im Tagesverlauf immer aktualisiert und zeigt die bodennahe, sonnenbrandwirksame UV-Strahlung an. Wer sonnenunempfindlich ist, darf in unseren Regionen gerne auch immer mal wieder ungeschützt in die Sonne (Mittagssonne ausgenommen), sofern das Erreichen der persönlichen ESZ nicht ausgereizt wird. Der gesunde Menschenverstand ist beim Umgang mit der Sonne extrem wichtig.
Welche Sommerfehler rund um die Haut beobachten Sie jedes Jahr aufs Neue - selbst in der heutigen Zeit, in der viele Menschen gut informiert sind?
Steinkraus: Der häufigste Fehler ist tatsächlich, dass die Kraft der Frühjahrssonne, die ja immer auf eine mehr oder weniger unvorbereitete und sonnenentwöhnte Haut trifft, unterbewertet bzw. falsch eingeschätzt wird. Das langsame Gewöhnen an die Sonne ist extrem wichtig. Nur so können die Eigenschutzvorkehrungen der Haut (Bildung von Pigment und Ausbildung einer Lichtschwiele) zum Sonnenschutz beitragen.
Gibt es aus medizinischer Sicht überhaupt so etwas wie "gesunde Bräune"?
Steinkraus: Nein, streng genommen gibt es keine gesunde Bräune, auch wenn eine gewisse Bräune Gesundheit und Vitalität suggeriert. Bräune ist immer eine Reaktion der Haut auf Sonne mit dem Versuch, das eigene angegriffene Erbgut zu schützen. Dennoch steckt die Haut eines gesunden Menschen eine leichte Bräunung in der Regel gut weg und entwickelt nicht immer gleich Hautkrebs. Man muss aber wissen, dass eine ungeschützte Haut in der Sonne deutlich schneller altert. Generell halte ich es aber für falsch, bei jedem Sonnenstrahl über zu reagieren.
Wenn Sie nur eine einzige Regel für schöne und gesunde Sommerhaut formulieren dürften - wie würde sie lauten?
Steinkraus: Dann käme ich auch im Sommer um eine Pflege mit leichten Peelings, abendlichem Vitamin A und einem morgendlichen Breitbandschutz nicht herum.
Würden Sie dazu raten, Sonnencreme das ganze Jahr über zu verwenden?
Steinkraus: Ich würde nur dann dazu raten, wenn jemand einen sehr hellen Hauttyp (Fitzpatrick I und II) und eine kurze Eigenschutzzeit hat und sich täglich überwiegend im Freien aufhalten muss oder möchte.