Porzellanweißer Teint, dunkle Augen unter stark ausgeprägten Brauen, signalrote Lippen, der schwarze Pagenkopf: Mireille Mathieu präsentiert sich seit gut 60 Jahren nahezu unverändert. Die gleiche Frisur, das gleiche Make-up, die gleiche Gestik. Und dazu die gleiche Stimme. Kraftvoll und glockenklar.
Dass sie am 22. Juli ihren 80. Geburtstag feiert, dürfte allenfalls statistische Bedeutung haben. Für ihr Publikum bewegt sich Mireille Mathieu seit über einem halben Jahrhundert auf dem gefühlten Level von um die 30. Alterslos - als wäre die Zeit an ihr vorbeigegangen.
Eine französische Musiklegende
190 Millionen Tonträger hat sie seit ihrem Karrierestart 1965 verkauft, 75 Studioalben veröffentlicht. 2025 gab es mit "Mon credo" eine Best-of-Kompilation mit 61 Titeln. Sie begeisterte ihr Publikum mit unzähligen Konzertauftritten und Tourneen, sang auf Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Katalanisch, Okzitanisch, Russisch, Finnisch, Japanisch und Chinesisch. Sie wurde mit Schallplatten in Gold und Platin überschüttet. 1978 lieh sie der französischen Nationalfigur "Marianne" ihr Gesicht, 1999 ernannte man sie zum Ritter der Ehrenlegion und 2011 sogar zum Offizier. Heute ist Mireille Mathieu ein nationales Kulturerbe Frankreichs.
Dennoch scheiden sich an ihr die Geister. Wer oder was ist Mireille Mathieu? Eine Chansonsängerin, die mit den Tiefen und Untiefen des französischen Gemüts zu spielen vermag? Oder doch nur eine wahnsinnig erfolgreiche Schlagersängerin, die hart an der Grenze von Schmalz und Gefühlzucker agiert, untermalt von cremigen Geigenklängen? Ihrer Karriere haben diese Fragen nicht geschadet.
Kindheit in bitterer Armut
Ihr märchenhaft anmutender Aufstieg trug zur weiteren Legendenbildung bei. Mireille Mathieu wuchs in ärmlichsten Verhältnissen in ihrer südfranzösischen Heimatstadt Avignon auf, als älteste Tochter eines Steinmetzes, der sich mehr für Musik interessierte und viel lieber Sänger geworden wäre. Die Familie lebte mit ihren 14 Kindern in einer Wellblechhütte, ohne Bad, ohne Heizung.
Mireille musste der Mutter helfen und sich um die 13 jüngeren Geschwister kümmern, in der Grundschule saß sie ganz hinten und kam nicht mehr mit. Danach hat niemand mehr gefragt, als ihr später, 2018, von der philosophischen Fakultät der Lomonossow-Universität Moskau die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. Vorerst jedoch bekam sie die ganze Härte ihres jungen Lebens zu spüren: Als sie 14 war, steckten sie die Eltern ohne Schulabschluss in eine Papierfabrik. Sie musste dazu verdienen und faltete Briefumschläge. Das ging am besten, wenn sie dazu sang mit ihrer hellen Kinderstimme.
Es war die Zeit, als in Paris eine kleine, zierliche Frau mit ihren Chansons die Musik- und Gefühlswelt eroberte. Édith Giovanna Gassion, die wegen ihrer Körpergröße von 1,47 Meter "Piaf" (Spatz) genannt wurde, kam auch von ganz unten. Doch der "Spatz von Paris" wurde mit seinen Liedern ein französisches Nationalheiligtum. Und wenn im fernen Avignon die kleine Mireille (1,53 Meter) in ihrer Papierfabrik die Kuverts faltete und dabei den Piaf-Hit "La vie en rose" trällerte, schaffte sie locker 500 am Tag.
Der "Spatz von Avignon" hebt ab
Ihr Vater erkannte früh ihr Talent und ermutigte sie, an einem Nachwuchswettbewerb in Avignon teilzunehmen. Nach erfolglosen Versuchen in den Jahren 1962 und 1963 gelang ihr 1964 im Alter von 18 Jahren mit "La vie en rose" der Sieg. Der "Spatz von Avignon" war geboren. Ein Jahr später gewann Mathieu in der Fernsehsendung "Télé-Dimanche", einer frühen Castingshow, erneut mit einem Lied von Édith Piaf. Kurz darauf durfte sie im Vorprogramm von Sacha Distel im berühmten Pariser "Olympia" auftreten. Das war im Dezember 1965 - mehr als zwei Jahre nach Piafs Tod.
Da stand eine 19-jährige Wiedergeburt auf der Bühne, die nicht nur sang wie die Piaf, sondern auch ähnlich aussah. Klein, zierlich, schwarzes Kleid, beschwörende Gestik. Am nächsten Tag schrieb ein Kritiker im "Figaro": "Sie ist das lebende Gespenst der Piaf." Alles Weitere ist Musikgeschichte. Sie wurde ein Star der 60er, 70er und 80er-Jahre, hatte Auftritte mit Dean Martin, ABBA und Plácido Domingo. Lady Gaga, ein Weltstar der heutigen Generation, sagte auf die Frage, mit wem sie gern mal im Duett singen möchte: "Mit dieser wunderbaren Frau, Mireille Mathieu."
Johnny Stark, Frankreichs mächtigster Musikmanager, nahm sich ihrer an. "Er war ein sehr strenger Mann. Ich bin ja sehr früh schon nicht mehr zur Schule gegangen. Er verordnete mir Unterricht in Französisch, Deutsch, Englisch. Ich musste Gymnastik treiben, tanzen und reiten. Ich musste alles lernen: singen, gehen, reden", sagte sie einmal dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung".
Nach dem Ruhm kam die große Leere
Dann starb Stark 1989, und mit seinem Tod kam die große Leere in das Leben von Mireille Mathieu. Burnout. "Ich habe nur noch funktioniert. Auf der Bühne wurde ich gefeiert, und dann kam ich nach Hause und keiner war da und hat sich um mich gekümmert. Das hat mich traurig gemacht. Ich ging zu einem Arzt. Er verschrieb mir Medikamente. Es waren starke Medikamente. Ich hatte keine Gefühle mehr, konnte nichts mehr empfinden. Aber eine Sängerin muss ja empfinden können. Musik, das ist nur Gefühl."
Ihre Familie hat sie aufgefangen, die jüngere Schwester Monique wurde ihre Managerin und beste Freundin, sie wohnt auch bei ihr im Pariser Apartment. Und das Gefühl, die Seele ihrer Musik, stellte sich wieder ein.
Deutschland und Mireille Mathieu: Eine besondere Liebe
Zu den Deutschen hat sie ein besonders inniges Verhältnis, vermutlich weil sie ihre tiefe Sehnsucht nach heiler Schlagerwelt so wundersam stillen kann. Die Deutschen sind das wohl treueste Publikum der kleinen Französin. Das deutsche Herz öffnet sich gemeinhin bei Mathieu-Titeln wie "Tarata-Ting, Tarata-Tong", "Das Wunder aller Wunder ist die Liebe", "Ganz Paris ist ein Theater", "An einem Sonntag in Avignon", "Heidschi Bumbeidschi", "Der Clochard", "Der Wind hat mir ein Lied erzählt" und natürlich "Hinter den Kulissen von Paris" besonders weit. Sie liebe Deutschland, sagt sie bei jeder Gelegenheit.







