Wer an Beate Uhse denkt, hat meist das Bild der geschäftstüchtigen Unternehmerin vor Augen, die ein Erotik-Imperium aufbaute. Doch lange bevor ihr Name zum Synonym für sexuelle Aufklärung wurde, sorgte sie in einem ganz anderen Bereich für Aufsehen: als Pilotin.
Aufgeklärt wurde Uhse schon früh von ihrer Mutter, einer der ersten Ärztinnen Deutschlands. Auch ihren größten Traum unterstützten die weltoffenen Eltern: das Fliegen. Zumindest nachdem Uhse eine Haushaltslehre machte. Zu ihrem 18. Geburtstag erhielt Beate Köstlin als einzige Frau unter rund 60 Flugschülern ihren Pilotenschein.
In den 1930er-Jahren arbeitete sie als Kunstfliegerin und Stuntpilotin für die UFA. 1939 heiratete die damals 19-Jährige ihren früheren Fluglehrer, den Fliegeroffizier Hans-Jürgen Uhse. Vier Jahre später wurde Sohn Klaus geboren. Kurz darauf fiel ihr Ehemann im Krieg. Bis Kriegsende überführte Beate Uhse als Pilotin der Luftwaffe Jagdflugzeuge von Berlin-Tempelhof an verschiedene Einsatzorte. Über ihre Rolle während der NS-Zeit sprach sie später kaum, was ihr wiederholt Kritik einbrachte.
Mut aus der Not: die "Schrift X"
1945 floh die junge Witwe mit ihrem kleinen Sohn und einem Flugzeug nach Schleswig-Holstein. Nach Kriegsende verbrachte sie sechs Wochen in britischer Kriegsgefangenschaft. Weil Deutschen das Fliegen nun verboten war, verdiente sie ihren Lebensunterhalt zunächst mit Jobs wie Lehrerin und Verkäuferin. Dabei begegnete sie vielen Frauen, die sich mehr Sex wünschten, aber in diesen schwierigen Zeiten Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft hatten.
Verhütungsmittel waren damals weitgehend verpönt, Sexualaufklärung ein Tabu. 1947 veröffentlichte Uhse deshalb die sogenannte "Schrift X", eine Broschüre, in der sie die Verhütungsmethode nach dem Zykluskalender erklärte. Mehr als 30.000 Exemplare verkaufte sie davon.
Ebenfalls 1947 lernte sie den Flensburger Kaufmann Ernst-Walter "Ewe" Rotermund kennen, den sie zwei Jahre später heiratete. Gemeinsam lebten sie mit seinen beiden Kindern Dirk und Bärbel sowie ihrem gemeinsamen Sohn Ulrich in Flensburg.
Das "Fachgeschäft für Ehehygiene"
Mit der Broschüre hatte Uhse eine Marktlücke entdeckt. Zunächst baute sie einen Versandhandel für Kondome und Aufklärungsbücher auf. 1962 eröffnete sie in Flensburg schließlich den weltweit ersten Sexshop. Weil der Begriff "Sex" im konservativen Wirtschaftswunderdeutschland als anstößig galt, nannte sie das Geschäft "Fachgeschäft für Ehehygiene". Auch den Eröffnungstermin wählte sie mit Bedacht: wenige Tage vor Weihnachten. "Da sind die Leute alle weihnachtsfriedlich", erklärte sie später.
Doch der Erfolg brachte auch Widerstand mit sich. Über Jahrzehnte musste sich Uhse gegen mehr als 2.000 Anzeigen und zahlreiche Gerichtsverfahren wegen angeblicher "Unzüchtigkeit" wehren. Immer wieder zog sie vor Gericht und trug mit ihren Prozessen dazu bei, dass sich der Umgang mit Sexualität in Deutschland schrittweise liberalisierte.
Keine Feministin, aber eine Wegbereiterin
Gegen Ende ihres Lebens wich die anfängliche Ablehnung zunehmend der Anerkennung. Obwohl sie vielen Frauen den Zugang zu Verhütung und sexueller Selbstbestimmung erleichterte, ist ihre Rolle innerhalb der Frauenbewegung umstritten. Spätestens mit dem Einstieg ihres Unternehmens in das Pornografiegeschäft wurde sie scharf kritisiert. Die Frauenzeitschrift Emma schrieb in einem Porträt: "Seite an Seite kämpft sie mit den Kameraden. Im Nazi-Krieg wie im Sex-Krieg. Gestern mit Bomben. Heute mit Pornos."
Trotzdem: In einer Zeit, in der Frauen oft auf traditionelle Rollen festgelegt waren, machte sie sich als Pilotin, Unternehmerin und Alleinverdienerin ihren eigenen Weg. Sie handelte, als gäbe es für sie keine Grenzen aufgrund ihres Geschlechts - und wurde gerade dadurch für viele Frauen zu einer Wegbereiterin eines selbstbestimmten Lebens. Als Beate Uhse am 16. Juli 2001 im Alter von 81 Jahren starb, hinterließ sie eine Gesellschaft, die deutlich offener mit Sexualität umging als zu Beginn ihrer Karriere.
Ein Fest zum Abschied
Auch für ihren Abschied hatte sie klare Vorstellungen. In ihrem Nachlass verfügte sie, dass es keine klassische Trauerfeier geben solle, sondern "ein fröhliches Fest mit meinen Lieblingsstücken aus der Country- und Westernmusik". Diesen Wunsch erfüllte die Beate Uhse AG nach ihrem Tod: Am 3. August 2001 fand im Deutschen Haus in Flensburg, der Wiege ihres Unternehmens, eine öffentliche Trauerfeier statt, die ganz in ihrem Sinne eher einem Volksfest als einem stillen Abschied glich.




